Facebook Twitter
19. Juli 2020 | Dipl.-Met. Martin Jonas

Strahlungswetter

Strahlungswetter

Datum 19.07.2020

Das heutige Thema des Tages beschäftigt sich mit den atmosphärischen Bedingungen, die vorherrschen müssen, damit Meteorologen von Strahlungswetter sprechen - und erläutert diese anhand eines Beispiels vom gestrigen Samstag.

Der heutige Sonntag macht seinem Namen als "Sonnentag" zumindest in einem Streifen vom Südwesten bis in den Nordosten alle Ehre. Vor allem im Südwesten zeigt sich kaum eine Wolke am Himmel. Mit anderen Worten: Dort steht uns fast perfektes Strahlungswetter ins Haus.

Strahlungswetter? Da die solare Strahlung ja ohnehin der ultimative Antrieb für das Wettergeschehen auf der Erde ist, könnte man sagen, das jedes Wetter Strahlungswetter ist.

Im Grunde kann man dieser sehr weit gefassten Definition von Strahlungswetter auch nicht widersprechen. Es ist allerdings in der Regel so, dass die Sonnenstrahlung auf ihrem Weg durch die Atmosphäre in vielfältiger Weise beeinflusst und verändert wird. Dies geschieht z. B. durch Reflektion auf der Oberseite von Wolken, durch Beugung, Brechung und Streuung der Strahlen an atmosphärischen Partikeln oder auch durch Teilchen, die die Strahlung auffangen - und anschließend, auch in veränderter Form, möglicherweise wieder abgeben (Absorption und Emission).

Unter Meteorologen hat es sich nun eingebürgert, genau dann von Strahlungswetter zu sprechen, wenn die geschilderten Prozesse nicht oder nur in ganz geringem Maße auftreten. Eine Grundvoraussetzung für Strahlungswetter ist somit ein weitestgehend wolkenloser Himmel. Dazu sollten die Luftmassen möglichst frei von sogenannten Aerosolen, also von festen oder flüssigen Schwebteilchen sein. Auch Wasserdampf, also die Feuchtigkeit in der Luft, ist bei Strahlungswetter nicht gerne gesehen - denn Wasserdampf absorbiert bzw. streut das Sonnenlicht sehr stark.

Wenn all diese Bedingungen erfüllt sind, dann kann nicht nur die Sonnenstrahlung weitgehend ungehindert bis zum Erdboden vordringen - auch die Wärmestrahlung der Erde, die diese allein aufgrund ihrer Temperatur abgibt, kann die Atmosphäre weitgehend ungehindert passieren. Auch das ist eine elementare Bedingung für Strahlungswetter. Und wenn das Ganze noch von einem schläfrigen Wind begleitet wird - umso besser! Was folgt ist zwar meteorologisch nicht spektakulär - aber oftmals herzerwärmend. Denn an Strahlungstagen kann man reichlich Sonne tanken. Und die Temperaturen steigen am Tage auf - je nach Jahreszeit mehr oder weniger - angenehme Temperaturen.

Einen Blick auf den möglichen Ablauf eines Strahlungswettertages liefert die beigefügte Grafik (https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2020/7/19.html). Denn neben größeren Gebieten im Südwesten wurde auch Mitteldeutschland gestern von der Sonne verwöhnt - und damit auch das sächsische Oschatz.

Sofort ins Auge fallen dabei die gelben Balken. Sie geben die Sonnenscheindauer in Minuten pro Stunde an. Meist waren es 60 Minuten - also Sonne bis zum Anschlag. Lediglich am Nachmittag fallen die Balken etwas kleiner aus. Und das hat, der Doppelpfeil deutet es an, sofort Auswirkungen auf die Temperatur (Kurve oben). Fehlt die Sonnenstrahlung, so sinken die Temperaturen sofort etwas ab. Immerhin: Für 27,2 °C hat es in der Abrechnung dann doch gereicht, und ein großer Tagesgang der Temperatur ist auch typisch für Strahlungswetter.

Die Bewölkungsverhältnisse (hier am Beispiel der tiefen Wolken) werden in der Grafik von den kleinen Kreisen wiedergegeben, die sich im oberen Teil der "Sonnenbalken" von links nach rechts durchs Bild ziehen. Die Idee dabei: Je stärker die Kreise gefüllt sind, desto dichter sind die Wolken. Dass am Nachmittag die "Wolkenkreise" fast leer sind, die Sonnenscheindauer aber nicht das Maximum erreicht, muss nicht weiter stören, denn während die Sonnenscheindauer kontinuierlich gemessen wird, wird die Bewölkung nur zu bestimmten Zeiten "abgegriffen". Interessant an der Bewölkung ist vielmehr das Zeitfenster vor Mitternacht (roter Kasten). Die Wolken sorgen in der Nacht für einen Temperaturanstieg, weil die Ausstrahlung der Erde gehemmt wird (sprich: es herrschten keine Strahlungswetter-Bedingungen).

Nur als ergänzende Informationen sind im unteren Bereich der Abbildung noch die Sichtweiten angegeben, wobei diese mit bis zu 75 km auf eine geringe Lufttrübung durch Aerosole schließen lassen, wie sie für Strahlungswetter nötig ist. Dazu finden sich dort die stündlichen Niederschlagssummen, die bei weitgehend wolkenlosem Himmel natürlich bei null liegen müssen.



© Deutscher Wetterdienst