Facebook Twitter
Drucken
08. Juli 2021 | Dipl.-Met. Simon Trippler

Bei mir passiert wieder nichts

Bei mir passiert wieder nichts

Datum 08.07.2021

In den vergangenen Wochen gab es in Deutschland unter vorherrschendem Tiefdruckeinfluss häufig Schauer und Gewitter, wobei diese lokal zu Unwetter mutierten. In vielen Regionen gingen die Gewitter jedoch glimpflich aus, weshalb nicht wenige der Meinung sind, bei Ihnen würde ja nie was passieren.

Im Juni 2021 fielen im deutschlandweiten Mittel rund 95 Liter Regen pro Quadratmeter (l/qm), womit das Niederschlagssoll von 85 l/qm der Referenzperiode 1961-1990 mehr als erfüllt wurde. Verglichen mit der Periode 1991-2020 gab es sogar knapp 20 l/qm mehr als üblich. Dabei traten häufig Schauer und Gewitter auf, die lokal große Wassermassen und daher Unwetter brachten. Auch im Juli geht dieses Spiel bisher munter weiter.

Ein Merkmal von Schauern und Gewittern ist, dass sie meist nur eine geringe Lebenszeit haben. So existieren Einzelzellen beispielsweise nur für rund 30 bis 60 Minuten. Wenn mehrere Zellen zusammenschmelzen ("verclustern"), kann der resultierende Komplex aber auch mehrere Stunden überleben. Dabei bringen sie lokal zum Teil hohe Regenmengen, während nur ein paar Kilometer weiter fast gar nichts passiert. Sehr anschaulich konnte man das in der Zentrale des Deutschen Wetterdienstes am vergangenen Sonntag (4. Juli 2021) erleben (siehe die Grafik mit den 2-stündigen Niederschlagsmengen im Rhein-Main-Gebiet am Sonntag unter https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2021/7/8_Bild.jpg). Während an der von der Zentrale rund 4 Kilometer entfernt gelegenen Wetterstation Offenbach-Wetterpark in 2 Stunden etwa 60 l/qm vom Himmel kamen, fiel an der Zentrale selber nicht einmal die Hälfte davon und noch ein paar Kilometer weiter gab es gerade einmal 5 bis 10 l/qm.

Der Übergangsbereich vom harmlosen Gewitter ohne Starkregen (gelbe Warnung beim Deutschen Wetterdienst, unter 15 l/qm in einer Stunde oder unter 20 l/qm in sechs Stunden) bis zum Gewitter mit extrem heftigem Starkregen (violette Warnung, mehr als 40 l/qm in einer Stunde oder mehr als 60 l/qm in sechs Stunden) ist also sehr schmal und im Warnmanagement nicht einfach zu handhaben. So kann es durchaus an einem Ort eine Unwetterwarnung geben, am eigenen Standort passiert aber tatsächlich nicht viel. Selbst bei Warnungen auf Gemeindeebene, wie sie der Deutsche Wetterdienst herausgibt, kann dies bereits passieren, wie der Fall für Offenbach-Stadt zeigt!

Nicht wenige glauben daher, bei ihnen würde nie etwas passieren. Tatsächlich ist eine tägliche Regenmenge von 60 bis 80, im Süden von 80 bis 100 l/qm in den meisten Regionen Deutschlands sogar schon ein Jahrhundertereignis, oder mit anderen Worten: Nur einmal innerhalb von 100 Jahren gibt es eine solch hohe Regenmenge! Dass es dann am eigenen Standort wirklich so heftig regnet, ist trotz (meist gerechtfertigter) Unwetterwarnung nicht besonders wahrscheinlich.

Ein weiterer Punkt für den Glauben, dass am eigenen Standort nichts passiert, sind die Vorabinformationen des Deutschen Wetterdienstes, mit denen Gebiete mit Potenzial für Unwetter gekennzeichnet werden. Wenn es eine Vorabinformation gibt, dann muss es aber doch auch Unwetter bei mir geben? Aus obigen Betrachtungen wird jedoch erneut klar, dass es eben nur wenige Standorte trifft, die dafür allerdings zum Teil heftig. Daher wird in den Vorabinformationen bei solchen Gewitterlagen auch immer wieder betont, dass das Auftreten von Unwettern nur lokal sein wird.

Wenn Sie also das nächste Mal eine Vorabinformation oder eine Unwetterwarnung vor schweren Gewittern bekommen, seien Sie bitte nicht enttäuscht, sondern froh, wenn bei Ihnen doch wieder nichts passiert.



© Deutscher Wetterdienst